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Das Geheimnis der Olvenstedter

19.12.2016 | Von Alexander Walter Volksstimme Magdeburg

Viele Feuerwehren setzen auf Nachwuchsarbeit und machen Angebote. Doch die Kinder bleiben nicht. Woran liegt das? Ein Erklärungsversuch.




Magdeburg/Gardelegen l Ortstermin im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Magdeburg Olvenstedt. Es ist werktags, Mittwochnachmittag, draußen wird es langsam dunkel. Trotzdem zieht ab 16 Uhr Leben in der Fahrzeughalle ein. In Schals und Mützen gekleidet kommen Kinder fröhlich winkend durch die offene Einfahrt aus der Kälte. Mütter bereiten in der Küche an großen Tischen Essen zu. Junge Erwachsene beraten sich.

Mittendrin: Annette Siedentopf. Die Wehrleiterin ist Kopf und Herz der Truppe. Die 51-Jährige geht von Mitglied zu Mitglied, spricht jeden persönlich an. „Heute ist unsere Abschlussfeier", sagt sie. Kein gewöhnlicher Mittwoch also. Trubel im Olvenstedter Gerätehaus ist trotzdem eher die Regel als die Ausnahme.

Die Olvenstedter Wehr ist eine der nachwuchsstärksten im Land. „Für unsere Kinder- und Jugendwehr haben wir Wartelisten", sagt Siedentopf. Es gibt Eltern, die ihre Kinder im Alter von 3 oder 4 Jahren anmelden, damit sie mit 6 dabei sein können. Selbst für den Eintritt in den aktiven Dienst mussten Interessenten sich noch bis Jahresbeginn gedulden. Erst im Sommer kamen zehn neue Feuerwehrleute hinzu.

Probleme mit der Einsatzbereitschaft haben die Olvenstedter dann auch kaum. Das kommt ein oder zwei Mal im Jahr vor, sagt Siedentopf.

Von solchen Zuständen können andere nur träumen. In Gardelegen etwa gibt es zwar eine funktionierende Stadtfeuerwehr. In vielen Dörfern aber sieht es zunehmend düster aus. An der Nachwuchsarbeit liegt das nicht, sagt Stadtwehrleiter Sven Rasch. Seit der Gründung von Kinderfeuerwehren funktioniere diese in vielen Ortsteilen sehr gut. Kritisch werde es, wenn junge Leute ins Erwerbsalter kommen. „Viele ziehen dann für Lehrstelle und Studium weg oder gehen lieber zu Fußball oder Motocross", sagt Rasch. Wer einmal gegangen sei, komme selten wieder.

Kai-Uwe Lohse, Chef des Landesfeuerwehrverbands, kennt das Problem. „In Relation zu den Einwohnerzahlen haben wir landesweit einen starken Besatz an Kinder- und Jugendfeuerwehren", sagt er. Vor dem Wechsel in den aktiven Dienst komme es allerdings zum Bruch. „Erfahrungsgemäß bleiben von zehn Jugendlichen dann nur ein oder zwei."

Die Stadt Gardelegen versucht nun mit Anreizen gegenzusteuern. „Mitglieder der Kinder- und Jugendwehr haben in diesem Jahr freien Eintritt in alle Bäder erhalten", sagt Bürgermeisterin Mandy Zepig. Im nächsten Jahr soll das Privileg auch auf erwachsene Feuerwehrleute ausgedehnt werden. Nach dem Vorbild anderer Städte versieht die Stadt Stellenausschreibungen zudem neuerdings mit einem Passus, der bei gleicher Eignung die bevorzugte Einstellung von Feuerwehrmitgliedern vorsieht.

Andere Städte, wie das benachbarte Stendal, haben damit gute Erfahrungen gemacht. „Die Tageseinsatzbereitschaft konnten wir so um Größenordnungen verbessern, sagt Sprecher Klaus Ortmann. Solche Faktoren mögen helfen. Die Olvenstedter Wehr aber hat sie offenbar gar nicht nötig. Was ist ihr Geheimnis? „Natürlich haben wir hier mehr Leute als auf dem Land", sagt Wehrleiterin Annette Siedentopf. Man müsse die Menschen aber auch dort abholen, wo sie stehen.

Siedentopf setzt dafür auf engen Kontakt zu den Mitgliedern. „Wir fangen die Leute hier auf, man weiß viel über die Familien. Und wenn einer keine Lust mehr hat, haken wir nach." Das führe dazu, dass viele die Feuerwehr als sozialen Haltepunkt annehmen. „Schulverweigerer oder Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit finden sich bei uns wieder, weil sie hier akzeptiert werden", sagt die Grundschullehrerin.

Darüber hinaus biete die Wehr das komplette Programm der Jugendarbeit. Neben zwei Dienstabenden pro Woche gibt es Sport- und Kochprogramme. Der Nachwuchs nimmt an Landes- und Bundesmeisterschaften teil und es gibt jährliche Sommerfahrten.

„Natürlich verlieren auch wir in der heutigen Spaßgesellschaft junge Leute an den Fußball", sagt Siedentopf. Oft genug seien die verloren Geglaubten wenig später aber wiedergekommen.

Einfach, weil sie sich in der Feuerwehr zu Hause fühlten.



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